
Viele richtige Abenteuer standen also auf dem Programm, aber das erste Abenteuer hatten wir schon direkt nach Ankunft, und zwar vom 30 km weiter östlich liegenden Provinz-Flughafen in eine umliegende Stadt zu kommen, denn ganz nach dem Motto, hier ticken die Uhren sowieso bestimmt alle langsamer, räumten wir unser für den Flug provisorisch gepacktes Zeug erstmal gemütlich um. Der Bus nach Tawau-City war dann allerdings schon weg und der Nächste fuhr erst bei Ankunft der nächsten Maschine in knapp 3 Stunden. Prinzipiell laufen hier die Uhren nicht nach, sondern eher vor, so überpünktlich starten Busse, Flieger und öffentliche Verkehrsmittel. Mittels eines kleinen Tricks brachte uns dann ein Minibus für sogar kleines Geld bis zu unserem eigentlichen Ziel nach Semporna. Dort waren wir sowohl im Hostel als auch im Scuba-Junkies Diving Center tatsächlich richtig eingebucht, einem der weltbesten Tauchspots, Pulau Sipadan stand somit nichts mehr im Weg, eigentlich. Wären da nicht noch Verena’s Magenkrämpfe, aber wenn Madame ein Ziel hat, verfolgt Sie es gnadenlos, komme, was wolle, gleichzeitig spielt aber auch ihr Magen verrückt, weil Sie ein totaler Kopfmensch ist und alle möglichen Schreckensszenarios durchspielt. “Oh, mein Gott, was ist, wenn das passiert? Und was, wenn das? Was machen wir, wenn sowas vorkommt? Und vor allem die starke Strömung?” Ein Psychiater hätte sein Jahresgehalt in den 3 Tagen verdienen können, so durfte ich als “erfahrener Hase” mit ganzen 24 Tauchgängen also den “Ruhepol” bilden und mir nicht anmerken lassen, wie nervös ich eigentlich selbst war, es waren definitiv keine leichten Tage für mich, die Anspannung stand uns beiden also bis zum Hals und Verena klammerte sich an ihren einzgen Strohhalm, der ihr noch blieb: ihr eigens mitgebrachter Lungenautomat! Am Morgen vor dem ersten Tauchgang natürlich immer noch keine Entspannung, aber als dann auch noch klar war, dass der Anschluss vom Automat nicht passte, stand Verena schon über der Wasseroberfläche kurz vor einem ihrer berüchtigten Panikattacken aus der Vergangenheit unter Wasser. Das Boot legte trotzdem mit uns ab, Verena hatte ja ein Ziel vor Augen, ich war auch etwas aufgeregt, hatte aber zumindest auf dem Boot richtig Spaß, als die beiden Außenborder ihre je 115 PS voll aufdrehten. Die Tagestour ging zur Insel Mataking und 2 Tauchgänge später sah die Welt auch für Verena schon wieder ein wenig besser aus. Allerdings nicht für mich, ich musste den 3.Tauchgang wegen Kopfschmerzen aussetzen. Im Vergleich zu Ägypten war Mataking aber enttäuschend, aber es war ja auch nur der Checkdive für Sipadan! Semporna selbst hat wirklich nichts zu bieten, es war für malayische Verhältnisse erschreckend, dass uns einmal bettelnde Kinder hinterliefen “Ringit,Ringit”. Hierher verirren sich wirklich nur Reisende zum Tauchen, genau wie wir, danach heißt es nur noch, bloß weg aus dieser Stadt. Verena ließ es aber nicht los, ihren eigenen Automaten benutzen zu wollen und bewies eine super Spürnase und fand tatsächlich einen Adapter, sodass der Strohhalm wieder da war. Am nächsten Morgen war es soweit und schon die Überfahrt nach Sipadan war der Hammer, ein etwas größeres Boot, angetrieben von 2 Außenbordern mit jetzt je 200 PS flog geradezu über die Celebes Sea und am Horizont erstrahlte die Insel nach 1 Stunde Fahrzeit wie gemalt in vollem Glanz, der Strand zog eine glatte Linie quer über das Meer, welches in schönstem Türkis leuchtete. Das i-Tüpfelchen der Schönheit gab das dicht bewachsene Palmenmeer ab, welches sich traumhaft im Himmelblau abzeichnete. Aber vor der Mittagspause auf der Insel war ja noch die kleine Hürde Tauchen zu überwinden. Eine einzige Anlegestelle, um die
sich die Tauchboote für die Registrierung tummelten, rundete die Vorstellung einer jeden Trauminsel ab. Danach gab es kein Zurück mehr für Verena, unterwegs teilte Sie dem Divemaster allerdings ja schon in ihrem “Bastel”-englisch all ihre Sorgen mit, der nette Schotte tat mir etwas leid, strahlte aber die nötige Ruhe aus und war sehr rücksichtsvoll. Kaum unter Wasser, noch händchen-haltend, löste sich aber jedes Unwohlsein und alle Bedenken sehr schnell in Luft auf. Von der vielfach erwarteten Strömung keine Spur, da, der erste Hai, ein kleiner Weißspitzenriffhai, doch die Pumpe blieb wieder erwarten ruhig. Dort ein paar Schildkröten, der nächste Hai und so weiter. Schildkröten gab es überall, es waren so viele, man konnte Sie gar nicht zählen und Haie kreutzten auch immer wieder unseren Weg. Auch das Riff zeigte sich farbenfroh und so gleiteten wir ganz behutsam am Riff entlang und genossen jede Minute. Zusammen mit der Mittagspause auf der Insel und dem weiteren Tauchgang am Barracuda Point, der diesen Namen mehr als zurecht trägt und Hunderte – vielleicht sogar bis zu Tausend, ich hab keine Volkszählung gemacht – von Barrakuda’s zirkulierend ihre Bahnen ziehen, war dies ein fantastischer Start, vor allem, weil wir dank der um Monate im voraus gemachten Buchung wohl die Einzigen waren, die eine Erlaubnis für 3 Tage Sipadan hatten. Das war auch gut so, denn jetzt wusste Verena, was Sie erwartet und die ausgebliebene Vorfreude darauf war für den Folgetag endlich da. Total erleichtert und glückselig bestiegen wir wieder das Boot am nächsten Morgen, doch Verena’s Sorgenfalten kamen ziemlich schnell auf der Überfahrt wieder zurück, denn bei starkem Seegang musste der Käpt’n oft das Gas wegnehmen und nicht frontal in die Wellen fahren, damit die Wucht des Aufpralls und des Gewichts des voll beladenen Bootes nach überstandener Welle besser abgefangen werden konnte. Und da war es wieder, das Strömungsproblem von Verena. Der andere Divemaster Dave checkte aber kurz die Strömungen vor Sipadan Island und beim über Bord springen rief jemand ganz dekadent “do not jump on the turtles!”, weil just zu dem Zeitpunkt gleich Mehrere zum Luftholen an oder kurz vor der Wasseroberfläche waren. Von Strömung weit und breit wieder nix mehr zu sehen, Glück gehabt, dachte ich kurz, bevor uns schon ein Hai zur Begrüßung empfing. Da noch einer, da schlafen zwei auf dem Grund, auch die Schildkröten erschienen wieder reihenweise. Während des zweiten Tauchgangs dasselbe Procedere, nur mit dem kleinen Unterschied, dass direkt neben einem Weißspitzenriffhai ein etwas größerer, grauer und bulliger aussehender Riffhai schwamm. Als dieser dann noch seine Wendigkeit und Schnelligkeit für den Bruchteil einer Sekunde aufblitzen ließ und kurz zuckte, war es allerdings meine Hand, die nach Verena’s Arm griff und mir eine Schrecksekunde verpasste. Kann aber auch daran liegen, dass Verena nicht mal mitbekommen hat, dass es zwei verschiedene Haiarten waren, aber das war bestimmt auch besser so. Beim 3.Tauchgang standen wir vor dem berühmten und mit Totenköpfen und Warnschild ausgewiesenen Eingang zu den Turtle Caverns, ein Unterwasser-Höhlensystem, indem viele Schildkröten der Theorie nach ihre Orientierung verlieren und ihnen dadurch zum Verhängnis wird, als mich erneut Kopfschmerzen einholten und Verena ganz solidarisch mit mir zusammen den Tauchgang kurz darauf abgebrochen hat. Auch die See hatte sich wieder beruhigt und ein anderes Boot musste auf dem Heimweg einsehen, dass es gegen die 400 PS keine Chance hat und wir beide waren nicht nur überglücklich über das Gelingen, sondern waren uns auch einig, den morgigen Tagestrip nach Sipadan wegen meiner wederkehrenden Kopfschmerzen fallen zu lassen. Wir beschlossen, diesen Tag ganz locker angehen zu wollen und unsere Weiterreise zu organisieren, doch es konnte natürlich nicht geschehen, ohne sich weitere Strapazen aufzubürden, denn Verena hatte im Vorhinein einen Tipp von einem Stelzenhaus mitten im Meer erhalten, wo man ein ganz entspanntes Ambiente vorfinden sollte, anders als in Semporna halt. Diese Idee fiel zunächst durch meine spontane Aufwands- und Nutzenabwägung, aber Verena hatte mal wieder ein Ziel. Die Suche danach war dann sehr einfach, es war ja schon von ihr im Reiseführer längst eingezeichnet, also noch vor dem Abendessen kurz dort vorbei, geht klar, morgen früh, Abfahrt um 7:30 Uhr, hallo wach! Ich war nicht gerade begeistert, das hieß nämlich mal wieder, den Wecker auf 6:00 Uhr zu programmieren und damit wie fast bisher immer in diesen Tagen sogar früher aufstehen, als wenn ich arbeiten müsste, na bravo, aber ich hatte ja zugesagt. Wenn ich allerdings nur im Geringsten hätte ahnen können, was uns dort erwartet, hätte ich meine Klappe gehalten. Ich beschloss kurzer Hand, mich in Zukunft mit meinen Bedenken zurück zu halten, Verena kann also auch verdammt gute Ideen haben. Wir näherten uns und ich traute meinen Augen kaum. Um dieses Gebilde auf Stelzen herum ein riesiges Riff im türkis farbenes Meer, ein paar Meter abseits des Hauptteils ein überdachtes Floß mit 4 Hängematten – von uns Hängematten-Island getauft. Nach dem Ausstieg eröffnete sich eine überdachte und nach allen Seiten offene Essens- und Aufenthaltsfläche samt Rezeption, beim Blick nach unten im sauberen und gepflegten Zimmer schimmerte das Türkis des Meeres durch den Holzbolden – ok, nichts fallen lassen – und bei geöffneter Tür hätte man mit Anlauf in nur 5 Sekunden über das Geländer ins Meer springen können – Mist, warum fällt mir das bloß jetzt erst ein. Die Waschbecken befinden sich unter freiem Himmel und den Sonnenanbetern oder auch total Verrückten – je nach Sichtweise – steht noch eine Sonnenterrasse zur Verfügung, denn eines haben wir in der kurzen Zeit sehr schnell gelernt, die Sonne ist hier absolut kein Kindergeburtstag mehr, sondern stellt eine echte Gefahr für die Haut von uns Europäern dar, sodass wir für jede sonnenfreie Minute schon jetzt dankbar waren, aber davon gab es bisher jedoch kaum welche, obwohl auch immer reichlich Wolken am Himmel vorhanden waren, hier ist eben alles wieder etwas anders, wie auch der gewöhnungsbedürftige Linksverkehr. Es ist eine echte Konzentrationsleistung notwendig, den Blick beim Straßenüberqueren mal nicht die gewohnte links-rechts Kombination durchführen zu lassen, sondern umgekehrt. Auf unserem schwimmenden Hotel Singamata-Adventures stellt sich dieses Problem zum Glück dagegen wohl nur beim Schnorcheln, aber da ziehen wir bei den Fischen nach dem Grundsatz “der Größere hat Vorfahrt” einfach durch. Die Müdigkeit war dahin, mehrfach entschuldigte ich mich und durch einen Adrenalinschub der etwas anderen Art fühlte ich mich freier als wohl selten zuvor. Dies bekam Verena natürlich später auf Hängematten-Island zu spüren, als es ihr schon fast peinlich war, dass ich nicht geizte, mit Ohrstöpseln und Ipod bewaffnet meine Gesangsqualitäten a cappella unter Beweis zu stellen und dies – in der Hängematte liegend – in entsprechender Manier mit Gestik und Tanzeinlagen zu untermalen. So oder so ähnlich hab ich es mir ausgemalt, das “Ankommen” in der einjährigen Auszeit, von der aber gerade einmal ganze 10 Tage verstrichen sind. Der Stress und die Anspannung der letzten Tage, sogar Wochen und Monate, Jahre fielen mir in diesen 2 Tagen – wir hatten schon 1 Stunde nach Ankunft entschieden, einfach einen Tag dran zu hängen – wohl reihenweise von den Schultern und dieser Moment wird sich mir hoffentlich für immer in mein Hirn einprägen. Was Verena betrifft, genoss Sie sichtlich ihre Bestätigung meinerseits, aber für Sie sollte es auch ein ganz persönliches und unerwartetes Highlight geben. Es gibt dort nämlich ein schwimmbadgroßes eingezäuntes Meer-Aquarium, welches durch die Übergänge vom Essenssaal zu den Quartieren begrenzt ist, in dem Massen an Fischen verschiedenster Arten und Größe gehalten werden. Aber das Beste daran ist, dass man die Fische nicht nur von oben bestaunen kann, sondern auch dort schnorcheln darf. Für Verena wurde es auch schon bei der Ankunft blitzartig zu einem Highlight, als ich ihr ihren absoluten Lieblingsfisch, einen Napoleon mit einer stattlichen Größe von gut einem Meter zeigte. Ab diesem Moment gab es kein Halten mehr, Gepäck auf’s Zimmer, ABC-Ausrüstung raus, Kamera startklar gemacht und ab durch die Mitte. Sie freute sich wie ein kleines Kind bei der Bescherung und schon dann war offensichtlich, der Aufwand hatte sich mehr als gelohnt. Nach Zeit zum Lesen, Organisierens und einem Fitnessprogramm im Freien verließen wir völlig ausgeruht und mit sich und der Welt im Reinen am Tag 11 im Sonnenaufgang die Wohlfühloase Richtung Festland. Mit vollem Akku bereit für das nächste bevorstehende Abenteuer, die Eroberung des Dschungels, setzte sich der voll besetzte Minibus in Bewegung nach Lahad Datu, von der aus auf eigene Faust das Danum Valley angesteuert werden soll, ein über 400 Quadratkilometer großes Areal geschützten Regenwaldes im Landesinneren.